DOCUMENTA KASSEL 16/06-23/09 2007

Zeichnung: Jürgen Stollhans; © Photo: Robert Collette / documenta GmbH

documenta 12 Beirat

Der documenta 12 Beirat kam seit Beginn des Jahres 2006 regelmäßig in Kassel zusammen. Er bestand aus rund 40 lokalen ExpertInnen, die Erfahrungen und Perspektiven aus formaler und informeller Bildung, Stadtplanung, Arbeitswelt, Wissenschaft, sozialer Arbeit, politischen Organisationen, religiösen und kulturellen Lebenswelten sowie Kinder- und Jugendarbeit mitbrachten. Zusammen mit dem Team der documenta 12 setzten sie sich mit der Bedeutung der Leitfragen in Kassel auseinander und verknüpften diese mit den Mentalitäten, Kontexten und Themen vor Ort.

Aus den Diskussionen des Beirats um die Bedeutung der Leitmotive für Kassel kristallisierte sich eine Reihe von Themen, die lokalspezifische Anordnungen der Leitmotive darstellen. So führte beispielsweise die Frage nach der Moderne unweigerlich zurück zu Kassels Geschichte als Industriestadt, die sowohl Wohlstand und sozialen Aufstieg als auch Rüstungsproduktion und Zerstörung hervorgebracht hat. Der Wiederaufbau der Stadt erfolgte wiederum aus dem Geiste des modernen Rationalismus. Ebenso rührte die Frage nach dem bloßen Leben an diesem historischen Trauma, ist aber gegenwärtig genauso aktuell, wenn etwa die hohe Erwerbslosigkeit oder die prekäre Situation von MigrantInnen zu beschreiben ist. Auch die Bildungslandschaft Kassels befindet sich im Umbruch – deutlich wird dies an der Umstrukturierung der Universität von einer integrativ angelegten Gesamthochschule hin zu einer Eliteschmiede. Jedoch haben zahlreiche Gruppen, Initiativen und Netzwerke längst begriffen, dass auch ihre gelebte kollektive Praxis eine Organisationsform der Bildung und der Selbstsorge ist.

Während der gesamten Vorbereitungszeit waren die Beiratsmitglieder AnsprechpartnerInnen und UnterstützerInnen für KünstlerInnen, die ihre Arbeit in Kassel oder mit Bezug auf diesen Ort entwickelten. Sie stellten Verbindungen her, schufen Zugänge und brachten ihr lokales Wissen in den Entstehungsprozess der documenta 12 ein. Deutlich sichtbar wurde diese Zusammenarbeit etwa in den Werken von Jürgen Stollhans, Danica Dakic, Kirill Preobrazhenskij und natürlich Ricardo Basbaum.

Die Arbeit des documenta 12 Beirats setzte sich in der Stadtgesellschaft fort: Um die Ausprägungen der Leitmotive konkret zu machen und sie als Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu nutzen, entwickelten die Beiratsmitglieder praxisbezogene und diskursive Aktivitäten, die sie bereits in den Monaten vor Eröffnung der Ausstellung begannen umzusetzen. So widmeten sich einige StadtplanerInnen und GeografInnen dem Zustand des öffentlichen Raums, ein Netzwerk von Kinder- und Jugendinitiativen realisierte einen Aktionssommer zu den Leitmotiven, Erwerbslose nahmen die Leitmotive zum Anlass, um miteinander an einer Neubewertung der Krise der Arbeitsgesellschaft zu arbeiten und dem Zusammenhang von Bildung, Migration und Ausgrenzung wurde eine eigene Veranstaltungsreihe gewidmet.

Während der Ausstellungszeit arbeiteten die Mitglieder des Beirats eng mit VermittlerInnen der documenta 12 zusammen und verbanden ihre Aktivitäten mit dem Ausstellungsraum und den künstlerischen Werken. Diese von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Kooperation erprobte beispielhaft, wie eine erweiterte Praxis der Kunstvermittlung entwickelt werden kann, die das politische Potenzial der Kunst zur Geltung bringt und dieses in persönliche und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zu übersetzen hilft.

Der documenta 12 Beirat wurde in Zusammenarbeit mit dem Kasseler Kulturzentrum Schlachthof e.V. gegründet und in dieser Kooperation entwickelt und begleitet. In der intensiven Anbindung an diese vielseitig vernetzte lokale Institution liegt die Chance für ein Fortdauern der begonnenen Auseinandersetzung auch nach Ende der documenta 12.
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Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sprach bei der Lunch Lecture am 13. September 2007 über die Perspektive der politischen in der ästhetischen Bildung.
Vortrag von Thomas Krüger als pdf zum Download.
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Der documenta 12 Beirat und die Aktivitäten verzahnten sich mit dem Engagement der KunstvermittlerInnen in Kassel. Mit Angeboten, Projekten und Kooperationen auf unterschiedlichen Ebenen konnte ein erweitertes Publikum dafür gewonnen werden, sein spezifisches Wissen in der Auseinandersetzung mit der Kunst einzubringen.
Bitte klicken Sie zur Visualisierung auf das Schaubild.
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Kontakt
Ayşe Güleç (Sprecherin documenta 12 Beirat)
Wanda Wieczorek (Assistenz künstlerische Leitung)
beirat(at)documenta.de



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Die Aktivitäten des Beirats: